Eine Etappe
meiner Wanderschaft vor 45 Jahren (Werner Kirscht)
Nach einjähriger Reisezeit, im Jahr 1956, machte ich auf meiner Tippelei als
fremder Rolandsbruder Station in Basel. Beim Herbergsvater Lori, dem Wirt der
"Linde" in der Rheingasse, wurde ich zünftig ausgeschenkt und von den anwesenden
Rolandsbrüdern mit "Hallo" begrüßt.
Da meine Schuhsohlen von der Tippelei schon Löcher hatten, musste ich mich eiligst
nach Arbeit umsehen. Dies war zu der Zeit noch mit Schwierigkeiten verbunden.
So brauchte man erst einmal eine kantonale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.
Die Baufirma Stamm hatte hierbei aber schon Erfahrung und wickelte alles zu
meiner Zufriedenheit ab. Wir hatten eine zünftige Gesellenplatte in Rheinach
bei Basel.
Obwohl es ein Café war und dort kein Alkohol ausgeschenkt wurde, fühlten wir
uns sehr wohl. Am ersten Arbeitstag war Betonschalung herzustellen. Auf einer
Baustelle direkt an der französischen Grenze wurde ich von den rechtschaffenen
fremden Zimmerleuten Günther Busch und Karl-Heinz Schneider begrüßt. Das war
mein erster Kontakt mit Gesellen des "schwarzen" Schachtes, aus der dann Freundschaft
werden sollte. Auch der Polier war uns sehr zugetan. So ließen wir uns des öfteren
von ihm, da die Mittagspause 2 Stunden dauerte, aus einer Gaststätte in Frankreich
abholen.
Er musste jedoch vorher noch eine Flasche Rotwein zahlen, was er gern tat. Denn
als Baumensch war auch er kein Kostverächter, zumal es damals noch kein Alkoholverbot
auf dem Bau gab. Mit Karl-Heinz Schneider unternahm ich sehr viel. So trafen
wir uns fast regelmäßig Sonntag früh zum Frühschoppen oder zum Baden. Das ging
soweit, dass wir Pläne zum Abreisen schmiedeten. Als dann die Zeit ran kam,
musste er mir leider gestehen, dass er von seiner Gesellschaft in Basel Abreiseverbot
erhalten hatte. So musste ich annehmen, dass ein gemeinsames Reisen von "Blauen"
und "Schwarzen" nicht erwünscht war. Ich hatte aber Jahre später, auch zu DDR-Zeiten,
noch Kontakt mit beiden. Wir tauschten dann immer unsere Erinnerungen aus.
Da mich nun bereits das Reisefieber gepackt hatte, reiste ich Mitte Juni mit
Siegfried Petatz, einem fremden Rolandsbruder aus Hoyerswerda, aus Basel ab
in Richtung Zürich. Am schönen Züri See verbrachten wir einige Tage mit Baden
und drei schönen Italienerinnen. Allerdings erwies sich die Dritte immer als
Störfaktor für unser Vorhaben. Eines Tages lernten wir einen Margarinevertreter
kennen, der auf seiner Geschäftsreise Hotels zwischen Zürich und Chur besuchte.
Wir waren fast eine Woche seine Gäste, rund um Zürich und in den Bergen.

Nach einigen Tagen erreichten wir die schöne Stadt Chur im Engadin. Dort wurde
unsere Reisekasse einer gründlichen Inventur unterzogen und wir beschlossen,
sie in einem gemütlichen Gasthaus etwas zu erleichtern. Nachts schliefen wir
allerdings in den Talhütten der Senner, auf frischem Heu gebettet. Weiter ging
es dann durch das Räte-Romanische Engadin in Richtung Julier-Pass. Fühlten wir
uns in den Bergen schon sehr wohl, so war der Pass mit seiner 2284 m Höhe ein
wirklicher Höhepunkt auf dieser Tippelei. Zum Plattereisen war es allerdings
in dieser Höhenluft zu kalt, denn wir kannten zu unserer Reisezeit keinen Schlafsack.
So tippelten wir weiter Richtung St. Moritz, bis wir spät nachts wieder Heuhaufen
entdeckten. St Moritz war bereits in den 50er Jahren das Urlaubsparadies der
oberen Schicht, daher ließen wir den Ort links liegen und liefen immer an Flüssen
und kleinen Seen entlang, Richtung Italien.

Die fremden Rolandsbrüder Siegfried Petatz und Werner Kirscht
in den Schweizer Alpen bei Chur.
Am 13. Juli erreichten wir dann die Grenze. Leider hatten wir große Schwierigkeiten
mit der Sprache, da unser gebrochenes italienisch schwer verstanden wurde. In
Dongo am Comer See mussten wir unbedingt mal den italienischen Wein probieren.
Zu unserer Überraschung kostete ein Glas "Roter" nur 13 Pfennige. Das hatte
natürlich Folgen. Zu später Stunde nahm uns dann ein Bauernsohn mit nach Hause
und ließ uns in der Diele schlafen. Morgens erwachte ich durch das kräftige
Schimpfen meines Kamerads, der durch Schmerzen an den Beinen geweckt worden
war. Die Ursache war schnell gefunden. Es hatte sich zu seinem Unmut einer der
Igel, die als Haustiere gehalten wurden, des nachts in seiner Schlaghose verkrochen
und dieses Ärgernis verursacht.
Nach dieser spaßigen Einlage und einem guten Frühstück zogen wir weiter am Comer
See entlang in Richtung Lugano. Als wir im Wasser eine Schlange schwimmen sahen,
verging uns allerdings der Badespass. Da es Ende Juli wurde und die Reisekasse
nicht mehr viel hergab, wanderten wir wieder gen Norden in Richtung Schweiz.
Denn in Italien brummt das Schmalmachen nicht und die Ämter wissen nichts von
armen Wandergesellen. In der Schweiz ist das anders, dort gab es damals schon
20 Franken von der Gewerkschaft. Weiter ging es Richtung Bellinzona-Airolo die
Passstrasse hinauf zum St. Gotthard.
Da aber noch kein Tunnel vorhanden war, ging der Hauptverkehr Richtung Italien
über diesen Pass. Zurückblickend auf die Serpentinen, wurde uns wieder bewusst,
wie klein der Mensch doch ist und welch ein Wunder mit unserer Welt geschaffen
wurde. In der Nähe von Luzern bekamen wir dann endlich Arbeit und schlossen
uns der ehrbaren Gesellschaft zu Reiden an, wo wir bei den anwesenden Rolandsbrüdern
herzlich willkommen waren. Im Gasthaus "Sonne" machten wir es uns bequem und
ich sparte auf mein Bergfest, was dann auch nach 3 Wochen stattfand.
Nach 45 Jahren bin ich auf dieser Route, anhand meines Wanderbuchs, mit meiner
Frau entlang gefahren und vieles kam wieder ins Gedächtnis zurück. Deshalb kam
ich auf die Idee diesen Bericht zu schreiben. Sogar das Gasthaus in Reiden bei
Luzern, wo wir das Buch hoch hatten, existierte noch und am Stammtisch von damals
schmeckte der Kaffee vorzüglich. Mein Blick ging immer zur Küchentür, ob die
ehemalige Herbergsmutter hereinkommt, aber leider war sie bereits verstorben.
Gern denke ich an meine Reisezeit im Rolandschacht zurück und möchte sie auf
keinen Fall missen.
http://www.rolandsbruderwk.de